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Man kann nicht nicht kommunizieren: Die Bedeutung des ersten Axioms

Man kann nicht nicht kommunizieren: Was Watzlawicks erstes Axiom bedeutet, warum Schweigen wirkt und wie du es im Meeting und im Chat bewusst nutzt.

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Du stellst im Teammeeting einen Vorschlag vor, und am Tisch sagt niemand etwas. Zwei Kollegen schauen auf ihre Laptops, einer verschränkt die Arme. Gesagt hat keiner ein Wort, verstanden hast du trotzdem eine ganze Menge. Genau darum geht es, wenn man nach „man kann nicht nicht kommunizieren“ und seiner Bedeutung fragt: Hier erfährst du, was Paul Watzlawick damit meinte, warum Schweigen nie neutral ist und wie du das im Meeting, im Assessment Center und im Chat bewusst nutzt.

Man kann nicht nicht kommunizieren: Bedeutung und Definition des ersten Axioms

Das erste Axiom lautet in seiner bekannten Form: Man kann nicht nicht kommunizieren. Die doppelte Verneinung ist Absicht. Sie sagt: Es gibt keinen Zustand, in dem zwei Menschen, die sich wahrnehmen, einander nichts mitteilen.

Watzlawick begründet das mit einer einfachen Überlegung. Verhalten hat kein Gegenteil. Man kann sich nicht nicht verhalten. Wenn aber jedes Verhalten in einer Situation mit anderen Menschen Mitteilungscharakter hat, dann ist auch jedes Verhalten Kommunikation. Reden ist Verhalten. Schweigen ist Verhalten. Wegschauen, auf das Handy blicken, den Raum verlassen: alles Verhalten, alles Botschaft.

Ein Axiom ist dabei ein Grundsatz, der nicht bewiesen wird, sondern als Ausgangspunkt einer Theorie dient. Watzlawick und seine Mitautoren haben die fünf Axiome nicht als Naturgesetze verstanden, sondern als Arbeitsgrundlage, um Störungen in Beziehungen zu beschreiben. Das erste Axiom ist dabei das Fundament: Ohne die Annahme, dass Kommunikation immer stattfindet, ergeben die anderen vier wenig Sinn.

Wichtig ist eine Einschränkung, die oft untergeht. Das Axiom gilt in einer Situation, in der Menschen einander wahrnehmen. Wer allein im Wald spazieren geht, kommuniziert mit niemandem. Sobald aber ein Gegenüber da ist, wird alles, was du tust oder lässt, als Botschaft gelesen, ob du willst oder nicht. Einen Überblick über alle fünf Grundsätze findest du im Beitrag Was sind die fünf Axiome nach Paul Watzlawick?.

Paul Watzlawick und sein Kommunikationsmodell: Die Hintergründe

Paul Watzlawick wurde 1921 in Villach in Kärnten geboren. Er studierte Philosophie und Sprachen in Venedig und ließ sich später in Zürich zum Psychotherapeuten ausbilden. Ab Anfang der 1960er-Jahre arbeitete er am Mental Research Institute in Palo Alto in Kalifornien, wo er bis zu seinem Tod 2007 blieb.

Das Institut war eines der Zentren der Familientherapie. Die Forschenden dort interessierten sich weniger für das Innenleben einzelner Menschen als für das, was zwischen ihnen passiert. Prägend war der Anthropologe Gregory Bateson, dessen Arbeiten zur Kommunikation in Familien die Gruppe stark beeinflussten. Die Frage lautete nicht: Was stimmt mit diesem Menschen nicht? Sondern: Welche Muster laufen in dieser Beziehung ab?

1967 erschien das Buch „Pragmatics of Human Communication“, das Watzlawick gemeinsam mit Janet Beavin und Don D. Jackson schrieb. Auf Deutsch kam es 1969 als „Menschliche Kommunikation“ heraus. Darin stehen die fünf Axiome, die heute in fast jedem Lehrbuch zur Kommunikation auftauchen. Das Kommunikationsmodell von Watzlawick ist also kein Rhetorik-Ratgeber, sondern ein Versuch, aus der Therapiepraxis allgemeine Regeln abzuleiten.

Das erklärt auch, warum die Axiome so nüchtern klingen. Sie beschreiben, was passiert, nicht, was man tun soll. Die Übersetzung in praktische Sätze müssen wir selbst leisten. Wer neben Watzlawick ein zweites Modell sucht, das die Botschaft in Schichten zerlegt, findet es im Beitrag zu den vier Ebenen der Kommunikation nach Friedemann Schulz von Thun.

Nonverbales Verhalten als Schlüssel: Wenn Schweigen Bände spricht

Im Buch selbst findet sich ein Beispiel, das ich sehr mag: ein Mann in einem überfüllten Wartesaal, der vor sich auf den Boden starrt oder mit geschlossenen Augen dasitzt. Er spricht mit niemandem. Und doch teilt er allen mit, dass er weder sprechen noch angesprochen werden möchte. Die anderen verstehen das in der Regel sofort und lassen ihn in Ruhe.

Das zeigt, wie viel nonverbales Verhalten trägt. Körperhaltung, Blick, Abstand, Tonfall und Tempo sind ständig im Einsatz, auch wenn wir gerade nichts sagen. Und sie sind oft glaubwürdiger als Worte. Wenn jemand „Klingt gut“ sagt, aber dabei auf die Uhr schaut, glauben die meisten der Uhr.

Watzlawick beschreibt außerdem, wie jemand reagieren kann, der eigentlich nicht kommunizieren will. Er kann das Gespräch offen ablehnen. Er kann es annehmen. Er kann es entwerten, indem er ausweicht, das Thema wechselt oder widersprüchlich antwortet. Oder er zieht sich in ein Symptom zurück, etwa Müdigkeit oder Kopfschmerzen, die das Gespräch unmöglich machen. Alle vier Reaktionen sind Botschaften. Keine davon ist neutral.

Für den Alltag bedeutet das: Wer sich bewusst zurückhält, sollte wissen, dass die Zurückhaltung gelesen wird, und zwar nicht unbedingt so, wie er sie meint. Weitere Szenen aus dem Privatleben, in denen das sichtbar wird, findest du in den Beispielen für Kommunikation im Alltag.

Schweigen ist keine Pause in der Kommunikation. Es ist eine Botschaft, deren Inhalt der andere festlegt.

Praktische Beispiele für das 1. Axiom im Berufsalltag und in Meetings

Im Beruf wird das erste Axiom besonders dann spürbar, wenn du gerade nicht kommunizieren willst. Drei Situationen begegnen mir immer wieder.

Das stumme Meeting. Eine Kollegin stellt ein Konzept vor, und niemand reagiert. Die Gruppe meint vielleicht: Wir denken noch nach. Die Kollegin hört: Das war nichts. Ein einziger Satz ändert die Lage:

„Ich brauche noch einen Moment, um das durchzudenken. Kann ich dir bis morgen eine Rückmeldung geben?“

Die Gruppendiskussion im Assessment Center. Als Beobachterin habe ich oft erlebt, dass Teilnehmende glauben, sie würden nur bewertet, wenn sie sprechen. Das stimmt nicht. Wer zwanzig Minuten lang schweigend Notizen macht, wird ebenfalls beobachtet. Die Beobachter fragen sich dann, ob die Person sich nicht traut, nicht interessiert ist oder einfach zuhört. Ein kurzer zusammenfassender Beitrag zeigt, was davon zutrifft.

Die Führungskraft, die nichts sagt. Wenn eine Chefin nach einer Präsentation kein Feedback gibt, entsteht ein Vakuum. Das Team füllt es selbst, meist mit der ungünstigsten Deutung. Hier hilft auch das zweite Axiom weiter: Jede Botschaft hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Ein Beispiel für das 2. Axiom wäre ein knappes „Passt so“ ohne Blickkontakt. Sachlich ist es Zustimmung, auf der Beziehungsebene klingt es nach Desinteresse.

Wie du in solchen Momenten aktiv bleibst, ohne dich aufzudrängen, beschreibe ich ausführlicher im Beitrag zur Business-Kommunikation im Job und im Meeting.

Die 5 Axiome einfach erklärt: Das erste Axiom im digitalen Alltag

Zur Einordnung hier die fünf Axiome von Watzlawick einfach erklärt, jeweils in einem Satz:

  1. Man kann nicht nicht kommunizieren. Jedes Verhalten in Gegenwart anderer ist eine Mitteilung.
  2. Jede Kommunikation hat einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt. Wie etwas gesagt wird, bestimmt, wie der Inhalt verstanden wird.
  3. Die Beziehung ist durch die Interpunktion der Abläufe geprägt. Jeder setzt den Anfang eines Konflikts an eine andere Stelle.
  4. Menschen kommunizieren digital und analog. Gemeint sind Worte einerseits und Körpersprache, Tonfall und Gestik andererseits.
  5. Kommunikation ist symmetrisch oder komplementär. Sie beruht auf Gleichheit oder auf Unterschied, etwa zwischen Chefin und Mitarbeiter.

Im digitalen Arbeitsalltag bekommt das erste Axiom eine neue Schärfe. Watzlawick hatte Wartesäle und Familienküchen vor Augen. Heute sind es Chatkanäle und Videokonferenzen. Und auch dort gilt: Wer nicht antwortet, antwortet trotzdem.

Eine gelesene, aber unbeantwortete Nachricht wird gedeutet. Eine ausgeschaltete Kamera in einem Call mit sechs Personen wird gedeutet. Ein Status auf „Abwesend“ mitten am Vormittag wird gedeutet. Anders als im Raum fehlen online aber viele analoge Signale, die eine Deutung abmildern. Niemand sieht, dass du gerade telefonierst oder einfach schlecht geschlafen hast. Der Interpretationsspielraum wird größer, und er wird selten zu deinen Gunsten genutzt.

Praktisch heißt das: Kleine Rückmeldungen sind online wichtiger als im Büro. Ein kurzes „Gesehen, ich melde mich heute Nachmittag“ kostet zehn Sekunden und verhindert eine halbe Stunde Grübeln auf der anderen Seite. Mehr zur Kommunikation über digitale Kanäle steht im Beitrag zur Kommunikation in der Wirtschaft im digitalen Zeitalter.

Was das erste Axiom nicht bedeutet

Zum Schluss eine Einordnung, die in vielen Erklärungen fehlt. Das erste Axiom heißt nicht, dass jede Deutung richtig ist. Es sagt nur, dass gedeutet wird. Wenn dein Kollege im Meeting schweigt, kann das Ablehnung sein, aber genauso gut Konzentration oder Unsicherheit.

Kritiker haben Watzlawick außerdem vorgeworfen, den Begriff Kommunikation sehr weit zu fassen. Wenn alles Kommunikation ist, wird der Begriff unscharf. Manche Kommunikationswissenschaftler unterscheiden deshalb zwischen bloßem Verhalten, das jemand wahrnimmt, und Kommunikation im engeren Sinn, bei der jemand etwas mitteilen will. Für den Berufsalltag ist diese Unterscheidung allerdings weniger wichtig, als sie klingt. Dein Gegenüber fragt selten, ob du etwas mitteilen wolltest. Es reagiert auf das, was es wahrnimmt.

Die nützlichste Folgerung aus dem Axiom ist deshalb eine doppelte. Achte auf das, was du ohne Worte sendest. Und frag nach, bevor du das Schweigen anderer deutest:

„Ich bin mir nicht sicher, wie ich deine Reaktion einordnen soll. Wie siehst du das?“

Häufige Fragen (FAQ)

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